Die Rolle der
Vorschriften beim Schutz der Säuglingsgesundheit

Eine Mutter auf den Philippinen stillt ihre Zwillinge. Photo:
UNICEF/S. Yaboo
Der Internationale
Kodex
Die Verabschiedung
des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten
als eine Minimalanforderung zum Schutz der öffentlichen Gesundheit
in allen Ländern war ein Durchbruch im Verbraucherschutz.
Viele gesundheits-
und entwicklungspolitische Einrichtungen wie das Internationale
Aktionsnetzwerk Säuglingsnahrung (IBFAN), OXFAM, War on Want,
die La Leche Liga und UNICEF, ebenso wie die Babynahrungsindustrie,
wurden in die Erarbeitung des Internationalen Kodex einbezogen.
Die Sicht der
Industrie zum erarbeiteten Kodex wurde 1981 von Ernest Saunders
dargestellt, seinerzeit Vizepräsident von Nestlé.
Er schrieb als Präsident der Industrievereinigung an den
Geschäftsführenden Vorstand der WHO folgende Beschwerde:
"Die Industrie der Welt sieht diesen gegenwärtigen
Entwurf des Kodex als nicht akzeptabel an ... überaus restriktiv
... irrelevant und nicht umsetzbar."
Trotzdem verabschiedete
1981 die Weltgesundheitsversammlung (WHA) den Internationalen
Kodex als eine "Minimalanforderung", die "in
ihrer Gesamtheit" umzusetzen ist. Die Firmen müssen
ihn unabhängig von anderen Maßnahmen einhalten, und
alle zwei Jahre müssen die Regierungen über den Fortschritt
in der Umsetzung des Internationalen Kodex der WHO Bericht erstatten.
Bis 1998 hatten
mehr als 116 Länder Maßnahmen eingeleitet, um den Internationalen
Kodex umzusetzen, und mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung
lebt jetzt in Ländern, in denen Gesetze in Kraft sind, die
seine wesentlichen Vorschriften enthalten.
Seit 1981 sind
ergänzende WHA-Resolutionen verabschiedet worden, welche
die Regelungen des Internationalen Kodex klarstellen und erweitern,
und eine Reihe von UN-Treffen und internationalen Konferenzen
haben das Stillen klar auf die Tagesordnung der Politikgestaltung
gesetzt.
Die Industrie drängt auf schwache
Kontrollen
Heute behauptet
die Babynahrungsindustrie den Internationalen Kodex zu unterstützen.
Entgegen solchen Versicherungen brechen die Firmen jedoch weiterhin
den Kodex - und zwar systematisch -, und sie versuchen seine Umsetzung
zu unterlaufen.
Die Industrie
führt Kampagnen für freiwillige Kodizes oder schwache
Kontrollen bei den nationalen Maßnahmen durch. Sie versucht
ebenso Einfluß auf die Körperschaften zu nehmen, die
internationale Standards setzen wie die FAO/WHO Codex Alimentarius-Kommission
und das wissenschaftliche Komitee für Nahrungsmittel der
Europäischen Union. Die Führung der Welthandelsorganisation
(WTO) hat der FAO/WHO Codex Alimentarius-Kommission einen neuen
Status zuerkannt, und es besteht die Befürchtung, daß
Regierungen gedrängt werden die Codex-Standards als Grundlage
für ihre Gesetzgebung heranzuziehen.
Gleichzeitig
erhöht der Druck von Weltbank und Strukturanpassungsprogrammen
den Welthandel zu liberalisieren und Privatinvestitionen zu unterstützen
die Abhängigkeit von kommerzieller Förderung in allen
Bereichen. Für die Babynahrungsindustrie hat dieses wesentliche
Vermarktungsmöglichkeiten geschaffen.
Die WHO selbst
gerät immer mehr unter den Druck der Säuglingsnahrungsindustrie
das Thema Stillen von ihrer Tagesordnung zu streichen.
In den letzten
Jahren schlachtet die Industrie zunehmend die Ängste vor
einer HIV-Übertragung durch das Stillen aus. Die Stichhaltigkeit
des Internationalen Kodex und der WHA-Resolutionen als Grundlagen
für die Gesetzgebung wird attackiert. In Südafrika,
als einem Beispiel, gründeten die Firmen eine Einrichtung,
die Stiftung für die Freiheit der kommerziellen Rede, welche
sich dafür einsetzt, daß die Umsetzung des Internationalen
Kodex in ein Gesetz eingestellt wird. Eines ihrer Argumente lautet,
daß Werbung für die Flaschenfütterung eine wesentliche
Rolle in der Erziehung der Eltern spielen müsse. Der Internationale
Kodex und die Resolutionen haben jedoch das Ziel, die korrekte
Anwendung von Muttermilchersatzprodukten sicherzustellen, "wenn
diese notwendig sind", sowie das Stillen zu schützen
und zu unterstützen.
Die Rolle IBFANs
Seit 1979 setzt
IBFAN sich dafür ein, gut gerüstet und vorbereitet den
Herausforderungen zu begegnen, Kontrollen für eine Milliarden-Dollar-Industrie
auf den Weg zu bringen.
IBFAN arbeitet
dafür sicherzustellen, daß der Internationale Kodex
und die nachfolgenden Resolutionen
der Weltgesundheitsversammlung mit den Vermarktungstrends Schritt
halten, daß sie als Gesetz oder entsprechende Vorschrift
in allen Ländern umgesetzt werden und daß sie unabhängig
überwacht und durchgesetzt werden.
Die Arbeit IBFANs
umfaßt:
- die Netzwerkarbeit
mit Partnern rund um die Welt im Geist von Solidarität
in gegenseitiger Unterstützung und Bestärkung,
- die Anwaltschaft
für den Internationalen Kodex und der Resolutionen in nationalen
und internationalen Maßstäben,
- die Entwicklung
der Fähigkeiten von und die Kodex-Trainingskurse für
NROs, Verbraucher und politische Entscheidungsträger in
allen Teilen der Welt,
- die Überwachung
der Umsetzung und der Einhaltung des Internationalen Kodex sowie
der Resolutionen,
- die Aufmerksamkeit
über Veröffentlichungen, die Medien und basisübergreifende
Aktionen zu schärfen,
- die Koordination
von Firmenkampagnen wie den Nestlé-Boykott,
- die Erarbeitung
von Positionen zu Nahrungsmittelstandards, Mutterschutzgesetzgebung,
Katastrophenhilfe und HIV.
IBFAN arbeitet
für die Sicherstellung der Transparenz von Entscheidungen
politiksetzender Einrichtungen, damit die Belange von Müttern
und Säuglingen gehört und damit die ökonomischen
und sozialen Folgen unangemessener Ernährung in den Mittelpunkt
gerückt werden.
Die
Industrie sagt, "Vertrauen Sie uns."
"Wir arbeiten am besten und effizientesten
in Ländern, die unsere Sicht von Marketing teilen,
wo wir die notwendige Freiheit und das notwendige Vertrauen
finden, die es uns ermöglichen das zu tun, was
wir tun müssen ... Wir brauchen die Freiheit der
Werbung. Aber wir sind uns ebenso bewußt, daß
es gewisse Grenzen geben muß... Deshalb haben
wir nicht nur zugestimmt uns an freiwillige nationale
Kodizes zu halten, sondern haben darüber hinaus
unsere eigenen internen, strikten ethischen Leitlinien
eingeführt..."
Peter Brabeck, Vorsitzender
des Verwaltungsrates von Nestlé, in einer Rede
vor der UN-Konferenz zu Handel und Entwicklung (UNCTAD),
Oktober 1996.
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Die Erwiderung der Firmen auf IBFAN
Das Babynahrungsthema
hat zu einem neuen Bewußtsein über die zerstörerischen
Auswirkungen Transnationaler Konzerne (TNCs) beigetragen, die
diese auf die öffentliche Gesundheit und die Umwelt haben
können.
In Erwiderung
der Kritik an ihnen und in dem Versuch ein für sie vorteilhaftes
Geschäftsklima zu erhalten, wenden die TNCs eine Vielfalt
von Techniken an, um ihr Bild in der Öffentlichkeit zu stützen,
daß man ihnen als verantwortungsbewußten Gesellschaftsmitgliedern
in den Konzernetagen vertrauen könne.
TNCs beanspruchen
sogar, daß im UN-System "Unternehmen...nicht mit
den vielen einseitigen NROs in einen Topf geworfen, sondern als
Verbündete ganz anderen Formats einbezogen werden sollten,
als die Schrittmacher des Reichtums" (Peter Brabeck,
Nestlé, während der UN-Konferenz zu Handel und Entwicklung,
Oktober 1996)"
Sie haben ihre
Anstrengungen verstärkt Partnerschaften mit unkritischen
NROs einzugehen, gegründet auf die Behauptung, daß
solche "konfrontativen" Methoden wie Boykotte überholt
und ineffektiv seien.
Stattdessen versuchen
TNCs von der Kritik abzulenken, indem sie ihre Kritiker ermutigen
mit ihnen in den "Dialog" einzutreten und mit
ihnen "zusammenzuarbeiten", um freiwillige, praktikable
Kodizes zu erstellen. TNCs wehren sich gegen transparente, unabhängige
und effektive Kontrollen.
Wenn Verordnungen
eingeführt werden sollen, versuchen TNCs Einfluß auf
den Prozeß zu nehmen, indem sie behaupten, daß die
Tatsachen, die die Säuglingsgesundheit und die Rechte der
Mütter beeinträchtigen, eine Frage von Verhandlungen
seien.
Die Industrie
bringt wohlklingende Argumente vor in ihren Versuchen Kritik und
Kontrollen zu unterbinden. Häufig widersprechen sich diese
Argumente. Zum Beispiel:
[Argument
1]
Die Industrie sollte sich selbst regulieren, aber...[Argument
2] Kartell-Gesetze behindern die Firmen in ihrer Zusammenarbeit
für die Beendigung der Vergehen.
[Argument
1]
Es liegt an der jeweiligen Regierung darüber zu entscheiden,
wie der Internationale Kodex an die Bedürfnisse des Landes
angepaßt werden kann, aber...[Argument 2] Vorschriften
dürfen nicht strenger sein als schwächere internationale
Standards.
[Argument
1] Die Regierungen sollten ihre Bedingungen
stellen, aber...[Argument 2] die Bedingungen der Regierungen
können widerlegt oder ignoriert werden.
[Argument
1]
Die Öffentlichkeit ist aufgefordert über Verstöße
zu berichten, aber...[Argument 2] Es steht IBFAN nicht
zu Überwachungen durchzuführen. Dieses liegt in der
Verantwortung der Regierung in Abstimmung mit der Industrie und
den Verbrauchern.
[Argument
1]
Wenn IBFAN ein Ende der Vergehen fordert, verhält es sich
konfrontativ, aber... [Argument 2] Wenn Firmen ihre Praktiken
ändern sollten sie zu dieser Zusammenarbeit beglückwünscht
werden.
Es ist wichtig
anzuerkennen, daß der Ruf nach Kontrollen der Industrie
nicht revolutionär ist. In vielen Bereichen unseres Lebens
knüpfen Regelungen das Gewebe der Gesellschaft zum Vorteil
aller.
Die Gesellschaft
verläßt sich nicht auf Vertrauen um Mord und Diebstahl,
Betrug und Nötigung zu verhindern. Die Gesellschaft ist angewiesen
auf Regeln, Regeln, die durchgesetzt werden.
TNCs ziehen ihre
Vorteile aus vielen Vorschriften, die ihre Interessen schützen.
Jedoch waren, für eine viel zu lange Zeit, die verletzbarsten
Mitglieder unserer Gesellschaft ungeschützt vor den Konzernen,
die unser Vertrauen nicht verdienen.
Deshalb gibt
es IBFAN.
"Alles, was es braucht,
damit das Böse über das Gute triumphiert,
ist, daß das Gute nichts tut."
Edmund Burke, irischer
Philosoph des 18. Jahrhunrts
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DAS PROBLEM. Siehe auch:
Geschichte, Wie das Stillen untergraben wird,
Was die Forschung sagt.
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