Wie
sicher ist Fertignahrung für Säuglinge?
Tod
eines einwöchigen, mit Fertignahrung ernährten Säuglings
in Belgien
Der Tod
eines an Meningitis gestorbenen fünf Tage alten Jungen in
Belgien wirft wichtige Fragen zu verschiedenen Bereichen wie Kennzeichnung
und Vermarktung von Muttermilch-Ersatznahrung sowie Angemessenheit
kommerzieller Überwachungssysteme auf. Diese Fragestellungen
werden derzeit beim Codex-Meeting in Halifax, Nova Scotia, Kanada
diskutiert, an dem auch Delegierte von IBFAN
(International Baby Food Action Network) teilnehmen.
Das betroffene
Baby kam gesund in einem Krankenhaus in Aalst, Belgien, zur Welt
und wurde mit Säuglingsanfangsnahrung von Nestle Beba
1 ernährt. Kurz nach der Entlassung aus der Klinik am
fünften Lebenstag (das ist die in Belgien übliche Verweildauer
nach der Geburt) wurde er krank. Seine Eltern brachten ihn noch
in der gleichen Nacht in die Universitätsklinik Gent, wo
er bald darauf am 16. März an Meningitis starb.
Die Familie
wandte sich an IBFAN, als sie erfuhr, dass der Tod durch Enterobacter
Sakazakii, ein sehr resistentes Bakterium, das auch in
Milchpulver überlebt, verursacht worden war.
Im April
2002 veröffentlichte die US-amerikanische Food and Drug Administration
(FDA) eine Mitteilung, in der erklärt wurde, dass in 14%
der getesteten Dosen mit Anfangsnahrung Belastungen nachgewiesen
wurden. (Vgl.
FDA Website). Hier wurde ein belgischer Fall" aus
dem Jahr 1998 erwähnt, der eine Anzahl erkrankter Kinder
und in zwei Fällen den Tod von Säuglingen verursacht
hatte. Die enthaltene Warnung rät davon ab, Frühgeborene
mitMilchpulver zu füttern, merkt jedoch an, dass auch gesunde
Säuglinge erkrankt sind. Zudem erklärt die Warnung:
Als Hintergrundinformation
für Bedienstete in der Gesundheitspflege will die FDA deutlich
machen, dass pulverisierte Säuglingsnahrung ein in kommerziellem
Sinne nicht steriles Produkt ist. Zwar wird auch Nahrung auf
Milchpulverbasis während der Herstellung hitzebehandelt,
jedoch ist sie- im Gegensatz zu Flüssignahrung nicht
lange genug hohen Temperaturen ausgesetzt, um das fertig verpackte
Produkt kommerziell steril zu machen."
Am 2.
Mai, also fast sieben Wochen später, bat die belgische Behörde
für Ernährungssicherheit Nestle Belgien, das Produkt
Beba 1 900 Gramm (Code DEXCPICA und/oder DEXCPIKB, Verfallsdatum
02/2003) als vorsorgliche Maßnahme zurück zu rufen.
Daraufhin erschien eine Anzeige von Nestle in jeder Zeitung und
auch in den Abendnachrichten verschiedener Fernsehsender gab es
Meldungen hierzu. Ein Zeitungsartikel befasst sich mit der Wut
des Vaters des verstorbenen Babys über die Entdeckung, dass
die Eltern der 1998 verstorbenen Babys niemals über die Todesursache
informiert worden waren. In seinen Stellungnahmen beruft sich
Nestle darauf, dass das Ausmaß der Verseuchung sehr wohl
unter dem international akzeptablem Standard von vier Bakterien
pro 100 Gramm läge und dass das Produkt ohnehin nicht steril
in diesem Sinne sei. In den 22.30 Uhr Nachrichten sagte der Nestle-Sprecher
Cedric de Prelle, dass die im Produkt enthaltenen Keime
bei der Bildung von Immunfaktoren hilfreich sind."
Die fragliche
Charge wurde von Nestle Deutschland in Kappeln hergestellt. Nestle
besteht darauf, dass sie lediglich in Belgien und der Schweiz
vertrieben wurde. Dennoch wurde das Produkt jetzt auch in Luxemburg
vom Markt genommen und dies obwohl keine Information für
die VerbraucherInnen vorlag. In vorangegangenen Fällen war
die Quelle der Verseuchung immer nur schwer aufzufinden und die
Firmen haben es bisher nicht geschafft, das Ausmaß des Problems
und die Vertriebskanäle offen zu legen. (Anmerkung 1)
Dieser
Fall hat wichtige Auswirkungen auf die zur Zeit geführte
Diskussion über Kennzeichnung, gesundheitliche Werbeaussagen
sowie Risikoabschätzung und zeigt zudem den Bedarf an öffentlich
finanzierten und zentralisierten Überwachungssystemen. (Anmerkung
2) Er illustriert auch die Risiken des Vormarsches und der Idealisierung
künstlicher Ernährung, die das Stillen unterminieren
und zum unnötigen Gebrauch von Muttermilch-Ersatzprodukten
ermutigen. Somit existiert deutlich ein dringender Bedarf an besserer
Kennzeichnung und Gesundheitsvorsorgesystemen, die wirklich unabhängige
Informationen für Eltern bereithalten. Wenn selbst eine Verseuchung
auf niedrigem Level die Gesundheit derartig schädigen kann,
sollte in der Etikettierung gewarnt werden, dass das Produkt nicht
steril ist und Bakterien enthalten sein können, die sich
unter bestimmten Umständen vermehren und die Gesundheit schädigen
können.
Der IBFAN-Rechtsberater,
Graham Ross, äußerte folgende Meinung: "Selbst
wenn die Hersteller tatsächlich höchsten Standards"
gefolgt sind, erfordern Gesetze zur Verlässlichkeit von Produkten
klare Warnungen, insbesondere in Verbindung mit Rezepturen, bei
denen die VerbraucherInnen erwartungsgemäß in hohem
Maße über mögliche Risiken besorgt sind."
ür
weitere Informationen kontaktieren Sie bitte:
Els Flies
secretariaat@vbbb.be
- Vereniging Begeleiding en Bevordering van Borstvoeding (VBBB
Belgische IBFAN-Gruppe). +32 3 2817313 oder +32 3 6771318.
(Pressemitteilungen
sind in niederländisch und französisch in der nieuws
Sektion von: http://www.vbbb.be/
erhältlich.
Patti
Rundall prundall@babymilkaction.org
- Baby Milk Action, 23 St Andrews St, Cambridge, CB2 3AX, UK.
Tel: +44 (0) 1223464420; fax: +44 (0) 1223 464417
\Elisabeth
Sterken esterken@infactcanada.ca
- Infact Canada, 6 Trinity Square, Toronto, ON, M5G 1B1. Phone:
(416) 595-9819. Fax: (416) 591-9355
Anmerkungen:
-
Im Januar 1997
wurde Milupa/Nutricia von den britischen Behörden gebeten,
ihr Milchpulver Milumil vom Markt zu nehmen, nachdem
einige Fälle aufgetreten sind, bei denen Säuglinge,
die mit Milupa gefüttert worden sind, an einer selten
Salmonellenart (Salomella anatum) erkrankt waren. Milupa
reagierte mit widersprüchlichen und irreführenden
Erklärungen. Sie behaupteten, dass dieses Problem einmalig
in Großbritannien vorkam, dass der Zusammenhang nicht
wirklich bewiesen werden konnte, und dass die britischen Behörden
übereifrig reagiert haben". Im Februar haben
französische Behörden angeordnet, das Produkt Lemiel
2 vom Markt zu nehmen. Das Milupa-Werk in Colmar, Frankreich,
wurde zur Desinfektion für eine Woche geschlossen, aber
die Infektionsquelle wurde nicht gefunden (vgl. Nutricia verheimlicht
das Salmonellen Risiko, Eltern werden im Dunklen gelassen,
Baby
Milk Action Update, 20 Februar 1997). Herr Klaas de Jong,
Direktor von Nutricia, bestritt, dass es Probleme mit dem
Werk gegeben habe und dass weitere Produkte betroffen sein
könnten. Er schlug vor, dass das Unternehmen aufgrund
der Vorkommnisse im Januar 1997 keine Milch mehr aus Frankreich
und Holland verwenden werde, damit wäre das Problem nun
in Grenzen gehalten. Die französischen Behörden
und die Europäische Kommission hat eingeräumt, dass
der selbe Rohstoff, der in Frankreich und Großbritannien
verwendet wurde, auch in Babymilchprodukten in Belgien, Italien
und Holland erhältlich ist.
-
Als 1985 die Fabrik
Farley mit Salomonellen infiziert war, hat es Monate gedauert,
bis die Ursache gefunden war. Ein Fehler in der Sprühtrocknung
verursachte eine periodisch auftretenden Kontamination. Salmonellen
wurden nur in vier von 267 Paketen gefunden. Das Werk wurde
schließlich geschlossen (Lancet, 17. Oktober 1987).
Sir Leslie Turnberg, der damalige Vorsitzende des britischen
Public Health Laboratory Service (PHLS) kommentierte dies
so: Die Überwachung von Infektionskrankheiten
ist in Anbetracht des globalen Anstiegs von Infektionskrankheiten
und des ansteigenden Bedrohung durch Resistenzen gegen Antibiotika
von überlebenswichtiger Bedeutung... Die Effektivität
der PHLS steht außer Frage, und die überraschend
schnelle Identifizierung der Gründe des jüngsten
Ausbruchs von Salmonellose durch Milchpulver hat ohne Zweifel
viele Babies davor bewahrt, krank zu werden."
-
Die Marke Beba
wurde in Belgien durch die Vergabe von Gratisproben Beba 2
im Gesundheitswesen verbreitet. Nestle wurde ebenfalls nachgewiesen,
Beba 2 Milch in Ungarn aggressiv auf den Markt zu bringen,
in dem Gratisproben an Mütter verschickt werden, nach
dem die Adressen von der Geburtendatei entnommen worden sind
(vgl. das Merkblatt von Baby Milk Action für die Kampagne
zur ethische Vermarktung im Oktober 1999, das Bildermaterial
von der Vermarktungsweise enthält).
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