Die transnationalen Babynahrungshersteller
Nestlé, Milupa, Abbott-Ross, Mead-Johnson und Wyeth sind
die schlimmsten Verletzer des Internationalen Kodex für
die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten, sagt IBFAN.
Zur Veröffentlichung
des Reports Breaking
the Rules 2001 zum 20. Jahrestag des Kodex erläutert
IBFAN, daß dieser Report Belege über weltweite, systematische
Verstöße gegen die Vorschriften des Internationalen
Kodex offenbart, der jegliche direkte oder indirekte Werbung
für Babynahrung untersagt. Die Weltgesundheitsversammlung
(WHA) wird in dieser Woche den Fortschritt bei der Umsetzung des
Kodex diskutieren.
IBFAN legt
Beweise für die Verstöße von 16 Babynahrungsherstellern
vor: Abbott-Ross, Danone, Dumex, Friesland, Gerber, Hipp, Heinz,
Humana, Mead Johnson, Meiji, Milupa, Morinaga, Nestlé,
Nutricia, Snow Brand und Wyeth. Unter den Flaschen- und Saugerherstellern
sind Chicco, Gerber, Evenflo und Playtex die größten
Kodexverletzer.
Der Report
basiert auf Untersuchungen von IBFAN-Gruppen über den Umgang
der Firmen mit dem Internationalen Kodex in 14 Ländern
- den Vereinigten Staaten, Kanada, Rußland, Malaysia, Ghana,
Hongkong, Taiwan, Italien, Côte d'Ivoire, Bolivien, Uruguay,
Mexiko, Togo und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Überwachung
der Vermarktungspraktiken der Säuglingsnahrungshersteller
durch IBFAN ist geübte Praxis des Internationalen Netzwerks.
IBFAN verfolgt
auch die nationale Umsetzung des Kodex durch die Mitgliedsstaaten
der Weltgesundheitsversammlung. Bis heute haben 51 Länder
alle oder die meisten Regelungen des Kodex in Gesetze umgesetzt.
Dies besagt der Überblick State of the Code by Country
2001, der heute ebenfalls veröffentlicht wurde.
Der Kodex
selbst besagt, daß Nichtregierungsorganisationen ein Auge
auf die Marketingpraktiken der Firmen haben. "Ohne IBFANs
regelmäßige Überwachungen und Berichte wäre
die Situation noch übler als sie ohnehin schon ist",
sagt Annelies Allain, Direktorin des IBFAN Kodex-Dokumentationszentrums.
"Die meisten Übertretungen wurden in Ländern festgestellt,
wo es bislang keine IBFAN-Gruppen gibt wie Taiwan, Hongkong und
die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort kann jeder mitmischen.
Keine Gesetze und keine Überwachung."
Die dem Kodex nachfolgenden
WHA-Resolutionen zur Säuglings- und Kleinkindernährung
haben den Kodex gestärkt, ihn an die neuen Vermarktungsstrategien
der Hersteller angepaßt und um neue wissenschaftliche Erkenntnisse
ergänzt. Unter anderem untersagen diese Resolutionen Spenden
von Muttermilchersatz in jedem Teil des Gesundheitswesens, und
sie empfehlen die Einführung von Beikost ab dem sechsten
Monat. An anderer Stelle weist eine weitere Resolution audsdrücklich
darauf hin, daß die finanzielle Unterstützung des Gesundheitspersonals
keine Interessenskonflikte hervorrufen darf.
Im März
diesen Jahres haben internationale Gesundheitsexperten der endlosen
Debatte um die optimale Dauer des ausschließlichen Stillens
durch die Empfehlung, daß Babies in den ersten sechs Monaten
ausschließlich Muttermilch erhalten sollen, ein Ende gesetzt.
Diese Empfehlung ist Bestandteil des Resolutionsentwurfs, den
die WHA in der kommenden Woche diskutieren wird. Der Resolutionsentwurf
bedurfte während der WHO-Vorstandssitzung im Januar einer
Diskussion von dreizehn langen Verhandlungsstunden, bevor die
jetzt vorgelegte Kompromißfassung verabschiedet werden konnte.
Es wird erwartet, daß die Mehrheit der Mitgliedsstaaten
einer Neueröffnung der Debatte widerstehen wird, obwohl einige
versuchen werden, abschwächende Ergänzungen einzubringen.
Für den 17. Mai wird eine lebhafte Debatte erwartet.
Laut IBFAN-Report mißachten
alle Babynahrungshersteller viele der Regelungen des Internationalen
Kodex, die sicherstellen sollen, daß Säuglinge
und Kleinkinder durch das Stillen optimal versorgt werden und
ihre beste Ernährung gewährleistet ist. Im gegeseitigen
Überbieten bei der Profitmaximierung versuchen die Firmen
das ausschließliche Stillen in den ersten sechs Monaten
zu untergraben, indem sie zahllose Produkte als für das Alter
von 3 bis 4 Monaten geeignet vermarkten. Anschließende Beikost
sollte erst nach sechs Monaten eingeführt werden, wie dies
vom Kodex und zahlreichen Ernährungsexperten weltweit empfohlen
wird. Die Industrie bewirbt auch sogenannte Folgemilchen, welche
die Fortführung des Stillens zu verhindern suchen, und in
vielen Fällen bewerben diese wiederum Anfangsnahrung durch
nahezu verwechselbares Aussehen.
Brasilien
hat jüngst vorgeführt, daß eine konsequente nationale
Gesetzgebung eine Wende zum besseren herbeiführen kann. Letztes
Jahr wurde ein neues Gesetz verabschiedet, welches die Firmen
verpflichtet, Babybilder, Flaschen oder Tierspielzeuge von den
Etiketten der Säuglings- und Kleinkindnahrung zu entfernen
und stattdessen eindeutige Warnungen anzugeben, das Produkt nicht
vor dem 6. Lebensmonat anzuwenden. Erst letzten Monat konnte IBFAN
in Erfahrung bringen, daß Gerber und Nestlé die ersten
waren, die dem Gesetz Rechnung trugen.
Der IBFAN-Report
benennt Nestlé, Gerber, Milupa, Wyeth, Heinz, Mead Johnson
und Abbott-Ross als diejenigen Firmen, die neue Wege ausprobieren
die Vermarktungseinschränkungen zu unterlaufen. Sie rufen
"Baby Clubs" ins Leben um über den direkten Kontakt
zu Müttern ihre Werbematerialien, Gratisproben und Lockgeschenke
anpreisen zu können. Verkaufspersonal dieser und weiterer
Firmen beraten Mütter über Säuglingsernährung
und empfehlen die eigenen Marken, schwächen ihr Selbstvertauen
in ihre Fähigkeit zu stillen und gewinnen somit produkttreue
Konsumentinnen, die dann im weltweiten Mittel durchschnittlich
rund DM 1000.- pro Kind und Jahr aufwenden müssen. Eine weitere
neue Vermarktungsschiene direkten Kontakt zu Müttern herzustellen
- ohne auf die jeweilige nationale Gesetzeslage Rücksicht
nehmen zu müssen - ist über das Internet.
Eine Taktik,
die einen alarmierenden zweiten Frühling erlebt, ist die
Abgabe kostenloser Lieferungen von Milchpulver, Babynahrung und
Saugflaschen an Gesundheitseinrichtungen. Diese "Spenden"
bewerben den Gebrauch künstlicher Nahrung innerhalb dieser
Einrichtungen oder werden gar als Proben an die Mütter weitergereicht.
Die Mehrzahl der Mütter - wenigstens 90 Prozent - bleiben
der Marke treu, mit der sie im Gesundheitssystem vertraut gemacht
wurden. Ursache hierfür ist die versteckte "Empfehlung"
durch das medizinische Personal.
Das Netzwerk
erinnert die Regierungen daran, daß der Kodex eine Minimalforderung
ist, der in eine wirkungsvolle nationale Gesetzgebung übersetzt
werden muß. Es unterstreicht ebenso, daß die WHO eine
eindeutige Rolle als Wächter über den Kodex für
den Schutz des Stillens gegen die massiven kommerziellen Interessen
hat.
Ende
Weitere
Informationen bei:
Yeong Joo
Kean, IBFAN Penang, Malaysia Tel: +60-4-8905799 Email: Ibfanpg@tm.net.my
Annelies Allain, IBFAN Genf,
Schweiz: Tel: +41-22-7989164 Email: info@gifa.org
Frank König,
IBFAN Deutschland, Göttingen Tel: +49-551-531034 Email: actionbabyfood@oln.comlink.apc.org
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