IBFAN PRESSEMITTEILUNG
15. Mai 2001

GENF


 

Die transnationalen Babynahrungshersteller Nestlé, Milupa, Abbott-Ross, Mead-Johnson und Wyeth sind die schlimmsten Verletzer des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten, sagt IBFAN.

Zur Veröffentlichung des Reports Breaking the Rules 2001 zum 20. Jahrestag des Kodex erläutert IBFAN, daß dieser Report Belege über weltweite, systematische Verstöße gegen die Vorschriften des Internationalen Kodex offenbart, der jegliche direkte oder indirekte Werbung für Babynahrung untersagt. Die Weltgesundheitsversammlung (WHA) wird in dieser Woche den Fortschritt bei der Umsetzung des Kodex diskutieren.

IBFAN legt Beweise für die Verstöße von 16 Babynahrungsherstellern vor: Abbott-Ross, Danone, Dumex, Friesland, Gerber, Hipp, Heinz, Humana, Mead Johnson, Meiji, Milupa, Morinaga, Nestlé, Nutricia, Snow Brand und Wyeth. Unter den Flaschen- und Saugerherstellern sind Chicco, Gerber, Evenflo und Playtex die größten Kodexverletzer.

Der Report basiert auf Untersuchungen von IBFAN-Gruppen über den Umgang der Firmen mit dem Internationalen Kodex in 14 Ländern - den Vereinigten Staaten, Kanada, Rußland, Malaysia, Ghana, Hongkong, Taiwan, Italien, Côte d'Ivoire, Bolivien, Uruguay, Mexiko, Togo und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Überwachung der Vermarktungspraktiken der Säuglingsnahrungshersteller durch IBFAN ist geübte Praxis des Internationalen Netzwerks.

IBFAN verfolgt auch die nationale Umsetzung des Kodex durch die Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsversammlung. Bis heute haben 51 Länder alle oder die meisten Regelungen des Kodex in Gesetze umgesetzt. Dies besagt der Überblick State of the Code by Country 2001, der heute ebenfalls veröffentlicht wurde.

Der Kodex selbst besagt, daß Nichtregierungsorganisationen ein Auge auf die Marketingpraktiken der Firmen haben. "Ohne IBFANs regelmäßige Überwachungen und Berichte wäre die Situation noch übler als sie ohnehin schon ist", sagt Annelies Allain, Direktorin des IBFAN Kodex-Dokumentationszentrums. "Die meisten Übertretungen wurden in Ländern festgestellt, wo es bislang keine IBFAN-Gruppen gibt wie Taiwan, Hongkong und die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort kann jeder mitmischen. Keine Gesetze und keine Überwachung."

Die dem Kodex nachfolgenden WHA-Resolutionen zur Säuglings- und Kleinkindernährung haben den Kodex gestärkt, ihn an die neuen Vermarktungsstrategien der Hersteller angepaßt und um neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt. Unter anderem untersagen diese Resolutionen Spenden von Muttermilchersatz in jedem Teil des Gesundheitswesens, und sie empfehlen die Einführung von Beikost ab dem sechsten Monat. An anderer Stelle weist eine weitere Resolution audsdrücklich darauf hin, daß die finanzielle Unterstützung des Gesundheitspersonals keine Interessenskonflikte hervorrufen darf.

Im März diesen Jahres haben internationale Gesundheitsexperten der endlosen Debatte um die optimale Dauer des ausschließlichen Stillens durch die Empfehlung, daß Babies in den ersten sechs Monaten ausschließlich Muttermilch erhalten sollen, ein Ende gesetzt. Diese Empfehlung ist Bestandteil des Resolutionsentwurfs, den die WHA in der kommenden Woche diskutieren wird. Der Resolutionsentwurf bedurfte während der WHO-Vorstandssitzung im Januar einer Diskussion von dreizehn langen Verhandlungsstunden, bevor die jetzt vorgelegte Kompromißfassung verabschiedet werden konnte. Es wird erwartet, daß die Mehrheit der Mitgliedsstaaten einer Neueröffnung der Debatte widerstehen wird, obwohl einige versuchen werden, abschwächende Ergänzungen einzubringen. Für den 17. Mai wird eine lebhafte Debatte erwartet.

Laut IBFAN-Report mißachten alle Babynahrungshersteller viele der Regelungen des Internationalen Kodex, die sicherstellen sollen, daß Säuglinge und Kleinkinder durch das Stillen optimal versorgt werden und ihre beste Ernährung gewährleistet ist. Im gegeseitigen Überbieten bei der Profitmaximierung versuchen die Firmen das ausschließliche Stillen in den ersten sechs Monaten zu untergraben, indem sie zahllose Produkte als für das Alter von 3 bis 4 Monaten geeignet vermarkten. Anschließende Beikost sollte erst nach sechs Monaten eingeführt werden, wie dies vom Kodex und zahlreichen Ernährungsexperten weltweit empfohlen wird. Die Industrie bewirbt auch sogenannte Folgemilchen, welche die Fortführung des Stillens zu verhindern suchen, und in vielen Fällen bewerben diese wiederum Anfangsnahrung durch nahezu verwechselbares Aussehen.

Brasilien hat jüngst vorgeführt, daß eine konsequente nationale Gesetzgebung eine Wende zum besseren herbeiführen kann. Letztes Jahr wurde ein neues Gesetz verabschiedet, welches die Firmen verpflichtet, Babybilder, Flaschen oder Tierspielzeuge von den Etiketten der Säuglings- und Kleinkindnahrung zu entfernen und stattdessen eindeutige Warnungen anzugeben, das Produkt nicht vor dem 6. Lebensmonat anzuwenden. Erst letzten Monat konnte IBFAN in Erfahrung bringen, daß Gerber und Nestlé die ersten waren, die dem Gesetz Rechnung trugen.

Der IBFAN-Report benennt Nestlé, Gerber, Milupa, Wyeth, Heinz, Mead Johnson und Abbott-Ross als diejenigen Firmen, die neue Wege ausprobieren die Vermarktungseinschränkungen zu unterlaufen. Sie rufen "Baby Clubs" ins Leben um über den direkten Kontakt zu Müttern ihre Werbematerialien, Gratisproben und Lockgeschenke anpreisen zu können. Verkaufspersonal dieser und weiterer Firmen beraten Mütter über Säuglingsernährung und empfehlen die eigenen Marken, schwächen ihr Selbstvertauen in ihre Fähigkeit zu stillen und gewinnen somit produkttreue Konsumentinnen, die dann im weltweiten Mittel durchschnittlich rund DM 1000.- pro Kind und Jahr aufwenden müssen. Eine weitere neue Vermarktungsschiene direkten Kontakt zu Müttern herzustellen - ohne auf die jeweilige nationale Gesetzeslage Rücksicht nehmen zu müssen - ist über das Internet.

Eine Taktik, die einen alarmierenden zweiten Frühling erlebt, ist die Abgabe kostenloser Lieferungen von Milchpulver, Babynahrung und Saugflaschen an Gesundheitseinrichtungen. Diese "Spenden" bewerben den Gebrauch künstlicher Nahrung innerhalb dieser Einrichtungen oder werden gar als Proben an die Mütter weitergereicht. Die Mehrzahl der Mütter - wenigstens 90 Prozent - bleiben der Marke treu, mit der sie im Gesundheitssystem vertraut gemacht wurden. Ursache hierfür ist die versteckte "Empfehlung" durch das medizinische Personal.

Das Netzwerk erinnert die Regierungen daran, daß der Kodex eine Minimalforderung ist, der in eine wirkungsvolle nationale Gesetzgebung übersetzt werden muß. Es unterstreicht ebenso, daß die WHO eine eindeutige Rolle als Wächter über den Kodex für den Schutz des Stillens gegen die massiven kommerziellen Interessen hat.

Ende

Weitere Informationen bei:

Yeong Joo Kean, IBFAN Penang, Malaysia Tel: +60-4-8905799 Email: Ibfanpg@tm.net.my

Annelies Allain, IBFAN Genf, Schweiz: Tel: +41-22-7989164 Email: info@gifa.org

Frank König, IBFAN Deutschland, Göttingen Tel: +49-551-531034 Email: actionbabyfood@oln.comlink.apc.org

 

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