Wissenschaft
bringt überkommenen Interessen der Babynahrungsindustrie
Niederlage während der Weltgesundheitsversammlung bei.
Eine Resolution
von der Bedeutung eines Meilensteins mit der Empfehlung Säuglinge
für die Dauer von 6 Monaten ausschließlich zu stillen
wurde heute von der 54. Weltgesundheitsversammlung (WHA) verabschiedet.
Die Resolution
beendet eine siebenjährige Auseinandersetzung um wenigstens
zwei Aspekte des Babynahrungsthemas - die optimale Dauer des ausschließlichen
Stillens und die Vermarktung von Beikost für Säuglinge.
Die Klarstellung zu diesen
Themen unterstützt die Politiken, die darauf abzielen die Säuglingsgesundheit
zu verbessern und die Raten der Säuglingssterblichkeit und
-krankheitsanfälligkeit weltweit zu senken.
Die neue
Resolution enthält ebenso Schutzklauseln im Hinblick auf
Vermarktungspraktiken der Babynahrungsindustrie wie Gesundheitsbehauptungen
und Werbung im Internet. Neben weiteren Themen werden auch die
Menschenrechte angesprochen.
Der Resolution
wurde am Mittwoch, dem 16. Mai, auf der Ebene des Komitees nach
einer zweieinhalbstündigen Debatte unter der Leitung von
Prof. Dr. S. Ongeri, Kenia, zugestimmt. Es gab Beiträge von
50 Mitgliedsstaaten und sieben internationalen Nichtregierungsorganisationen.
Ein Sprecher nach dem anderen betonte die Notwendigkeit mehr für
den Schutz des Stillens tun zu müssen, besonders während
der ersten sechs Lebensmonate. Diese Debatte setzte die 15-stündige
Sitzung des Geschäftsführenden Vorstands der WHO im
Januar 2001 fort.
Auf Anregung
des Vorsitzenden wurde Einmütigkeit mit nicht einer einzigen
abweichenden Stimme erzielt. Die Resolution wurde heute von der
gesamten Versammlung zeitgleich zum 20. Jahrestag der Verabschiedung
des Internationalen
Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten
am Montag, dem 21. Mai, verabschiedet.
Mitglieder
des Internationalen Aktionsnetzwerkes Säuglingsnahrung (IBFAN) waren
während der Versammlung anwesend und stellten den aktuellsten
Report über die Verstöße gegen den Internationalen
Kodex, Breaking
the Rules 2001, vor. Die Untersuchungen in 14 Ländern
brachten erneut die systematischen und teilweise dreisten Techniken
ans Licht, mit denen die Firmen auf der Jagd nach Profiten weiterhin
die Gesundheit untergraben.
IBFAN und
Save the Children forderten die WHO ebenso auf Vorsicht
in ihren Beziehungen zum Privaten Sektor walten zu lassen - und
sicherzustellen, daß ihre Gesundheitspolitik den aktuellsten
Stand der Wissenschaft deutlicher berücksichtigt als den
Druck derjenigen, die ihre Profite vor die Gesundheit stellen.
Die neue
Resolution (Referenz: Agenda Item 13.1, Säuglings- und
Kleinkindernährung, A54/45) fordert in Artikel 2 (4)
die Mitgliedsstaaten auf:
"...ausschließliches
Stillen für die Dauer von sechs Monaten als eine globale
öffentliche Gesundheitsempfehlung unter Berücksichtigung
der Ergebnisse der Technik-Konferenz der WHO-Experten zur optimalen
Dauer ausschließlichen Stillens zu unterstützen und
sichere und angemessene Beikostnahrung bereitzustellen unter
Beibehaltung des Stillens bis zum Alter von zwei Jahren oder
darüber hinaus..."
Die neue
Resolution wurde erstmals im Mai 2000 von Brasilien vorgeschlagen,
einem der 62 Länder, die bereits "6 Monate" als
nationale Politik verankert haben, und ein Land, das führend
in der Stillforschung ist.
Der Beschluß
unterstreicht die Bedeutung unabhängiger Wissenschaft im
öffentlichen Interesse, etwas, das IBFAN immer wieder eingefordert
hat.
Denise Coitinho,
Leiterin der Abteilung Lebensmittel- und Ernährungspolitik
im brasilianischen Gesundheitsministerium, sagte:
"Ich bin ungemein
glücklich darüber, daß wir eine weltweite Übereinkunft
zu diesem Thema erreicht haben. Das wichtigste ist global in
Übereinstimmung zu handeln - und die Ergebnisse des Expertenkomitees
haben diesen Konsens wesentlich erleichtert."
Cesar Victora,
Professor für Epidemiologie an der Universität von Pelotas
und Gastprofessor an der London School of Hygiene and Tropical
Medicine, hat niemals Geld von der Babynahrungsindustrie angenommen
und war ein Mitglied des WHO-Expertenkomitees. Er war während
der Debatte anwesend und sagte:
"Ich bin
hocherfreut zu erleben, daß wissenschaftliche Erkenntnisse
Veränderungen einer globalen Politik bewirken können
- 15 Jahre lang haben wir Beweise über die Vorteile des
ausschließlichen Stillens zusammengetragen, und es ist
eine große Freude, daß dieses letztendlich zu einem
Wechsel in der globalen Politik geführt hat. Die größte
Enttäuschung für einen Wissenschaftler besteht darin,
wenn unsere Studien keine Veränderungen in der wirklichen
Welt zur Folge haben."
Die Vereinigten
Staaten schlossen sich dem Konsens an und legten ihre früheren
Vorbehalte gegen Teile der Resolution bei.
Thomas Novotny,
MD, MPH, Stellvertretender Assistent in der Abteilung für
Internationale und Flüchtlingsgesundheit im Gesundheitsministerium
der USA, sagte:
"Wir sind
glücklich, daß wir in dieser Frage einen Konsens
erzielt haben. Es hilft ungemein, wenn man mit einer wirksamen
Empfehlung für ausschließliches Stillen für
die Dauer von sechs Monaten im Rücken nach vorne schauen
kann während gleichzeitig all' die Abwägungen, die
in Betracht gezogen werden müssen, möglich werden.
Dr. Tomris
Turmen, Sprecher für das WHO-Sekretariat, betonte die Bedeutung
der Resolution und bezog sich auf drei Studien in Brasilien, Mexiko
und Banglasdesh, die nachwiesen, daß einfache Maßnahmen,
die Mütter unterstützten, die Stillraten sehr schnell
und sehr effektiv nach oben schnellen ließen, die anerkanntermaßen
weltweit extrem niedrig lägen.
Ziel der
Resolution ist es nicht, Mütter gegen ihren Willen zum Stillen
zu nötigen, und sie zieht in Betracht, daß einige Mütter
nicht unbedingt die Bedingungen vorfinden, die es ihnen ermöglichen
in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und
dieses danach unter Einführung von Beikost fortzusetzen.
Jedoch sollte sie diejenigen Frauen stärken, die dieses wollen,
und sicherstellen, daß alle Frauen in ihrer Entscheidung
unterstützt werden das beste für die Gesundheit ihrer
Kinder zu tun.
Mit der
klaren Aussage dieser Resolution zur empfohlenen Zeit ausschließlichen
Stillens ist die Hoffnung verbunden, daß sie der Babynahrungsindustrie
Einhalt gebietet ihre Ergänzungsnahrung als geeignet für
das Alter ab vier Monaten oder sogar noch früher, wie es
häufig der Fall ist, zu vermarkten (s. die Belege in Breaking
the Rules 2001). Dieses bleibt abzuwarten, da die Industrie
gegenwärtig die Resolution (WHA
47.5) von 1994 mißachtet, die besagt, daß Beikost
erst ab "etwa sechs Monaten" als geeignet angesehen
wird. Die zusätzlichen Umsätze, die aus der Deklaration
"ab vier Monaten" anstatt "ab sechs Monaten"
resultieren, werden auf rund 1 Milliarde US Dollar jährlich
geschätzt.
Im Vorfeld
der Weltgesundheitsversammlung hatte sich die Internationale Vereinigung
der Säuglingsnahrungshersteller (IFM) an Mitgliedsstaaten
gewandt mit dem Versuch die Unterstützung für die Resolution
abzuschwächen. IFM besteht aus den herausragendsten Brechern
des Internationalen Kodex und der nachfolgenden, bezugnehmenden
Resolutionen wie Nestlé, Wyeth, Numico (Mutterkonzern von
Nutricia, Milupa, Cow&Gate) und Hipp. Besonders auf die Industrieländer
versuchten die Babynahrungshersteller Druck auszuüben.
Schon im
letzten Jahr hatte IFM den Versuch unternommen, allein die Diskussion
über diese Resolution in der Weltgesundheitsversammlung zu
verhindern (siehe Bericht im
British Medical Journal vom 9. September 2000).
Während
der Diskussion im Komitee stellte Prof. Dr. Abdul Malik Kasi,
der pakistanische Gesundheitsminister, fest, daß, obwohl
Pakistan in der vordersten Reihe der Unterstützer des Kodex
stünde, die Werbung für Muttermilchersatzprodukte Mütter
in die Irre geleitet hätte. Er führte aus, daß
die pakistanische Regierung an der Umsetzung des Kodex in ein
nationales Gesetz arbeite, die Industrie jedoch seit zehn Jahren
versuche dieses zu verhindern. Er forderte die WHO auf, eine Kampagne
ins Leben zu rufen den Druck der Industrie auf den Kodex zu unterbinden.
Weitere
Informationen bei:
Patti Rundall,
(UK) +44 1223 464420 Mobil +44 7990 501337
Email: info@babymilkaction.org
Anmerkungen:
Die Resolution
FORDERT die Mitgliedsstaaten in Artikel 2.(4) AUF: "ihre
Anstrengungen zu vertärken und neue Ansätze zum Schutz,
zur Förderung und zur Unterstützung des ausschließlichen
Stillens für die Dauer von sechs Monaten als eine öffentliche
Gesundheitsempfehlung unter Berücksichtigung der Ergebnisse
der WHO-Expertenkonferenz über die optimale Dauer ausschließlichen
Stillens zu entwickeln und sichere und angemessene Beikost bereitzustellen
unter Beibehaltung des Stillens bis zum Alter von zwei Jahren
oder darüber hinaus und Kanäle sozialer Verbreitungstrukturen
für diese Konzepte zu stärken, damit die kommunalen
Ebenen diese Praktiken übernehmen können."
Die Resolution
FORDERT die Genaraldirektorin AUF: "Unterstützung
für die Mitgliedsstaaten bereitzustellen bei der Erkennung,
Umsetzung und Überprüfung neuer Ansätze zur Verbesserung
der Säuglings- und Kleinkindernährung unter Stärkung
des ausschließlichen Stillens für 6 Monate als eine
öffentliche Gesundheitsempfehlung unter Berücksichtigung
der Ergebnisse der WHO-Expertenkonferenz über die optimale
Dauer ausschließlichen Stillens und unter Bereitstellung
sicherer und angemessener Beikost unter Beibehaltung des Stillens
bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus sowie für
gemeindebezogene und ressortübergreifende Aktivitäten."
Die Schlußfolgerungen
und Empfehlungen der WHO-Expertenkonferenz zur optimalen Dauer
ausschließlichen Stillens sind als pdf-Datei erhältlich
unter
http://www.who.int/gb/EB_WHA/PDF/WHA54/ea54id4.pdf
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