IBFAN PRESSMITTEILUNGEN
18. Mai 2001


 

Wissenschaft bringt überkommenen Interessen der Babynahrungsindustrie Niederlage während der Weltgesundheitsversammlung bei.

 

Eine Resolution von der Bedeutung eines Meilensteins mit der Empfehlung Säuglinge für die Dauer von 6 Monaten ausschließlich zu stillen wurde heute von der 54. Weltgesundheitsversammlung (WHA) verabschiedet.

Die Resolution beendet eine siebenjährige Auseinandersetzung um wenigstens zwei Aspekte des Babynahrungsthemas - die optimale Dauer des ausschließlichen Stillens und die Vermarktung von Beikost für Säuglinge.

Die Klarstellung zu diesen Themen unterstützt die Politiken, die darauf abzielen die Säuglingsgesundheit zu verbessern und die Raten der Säuglingssterblichkeit und -krankheitsanfälligkeit weltweit zu senken.

Die neue Resolution enthält ebenso Schutzklauseln im Hinblick auf Vermarktungspraktiken der Babynahrungsindustrie wie Gesundheitsbehauptungen und Werbung im Internet. Neben weiteren Themen werden auch die Menschenrechte angesprochen.

Der Resolution wurde am Mittwoch, dem 16. Mai, auf der Ebene des Komitees nach einer zweieinhalbstündigen Debatte unter der Leitung von Prof. Dr. S. Ongeri, Kenia, zugestimmt. Es gab Beiträge von 50 Mitgliedsstaaten und sieben internationalen Nichtregierungsorganisationen. Ein Sprecher nach dem anderen betonte die Notwendigkeit mehr für den Schutz des Stillens tun zu müssen, besonders während der ersten sechs Lebensmonate. Diese Debatte setzte die 15-stündige Sitzung des Geschäftsführenden Vorstands der WHO im Januar 2001 fort.

Auf Anregung des Vorsitzenden wurde Einmütigkeit mit nicht einer einzigen abweichenden Stimme erzielt. Die Resolution wurde heute von der gesamten Versammlung zeitgleich zum 20. Jahrestag der Verabschiedung des Internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten am Montag, dem 21. Mai, verabschiedet.

Mitglieder des Internationalen Aktionsnetzwerkes Säuglingsnahrung (IBFAN) waren während der Versammlung anwesend und stellten den aktuellsten Report über die Verstöße gegen den Internationalen Kodex, Breaking the Rules 2001, vor. Die Untersuchungen in 14 Ländern brachten erneut die systematischen und teilweise dreisten Techniken ans Licht, mit denen die Firmen auf der Jagd nach Profiten weiterhin die Gesundheit untergraben.

IBFAN und Save the Children forderten die WHO ebenso auf Vorsicht in ihren Beziehungen zum Privaten Sektor walten zu lassen - und sicherzustellen, daß ihre Gesundheitspolitik den aktuellsten Stand der Wissenschaft deutlicher berücksichtigt als den Druck derjenigen, die ihre Profite vor die Gesundheit stellen.

Die neue Resolution (Referenz: Agenda Item 13.1, Säuglings- und Kleinkindernährung, A54/45) fordert in Artikel 2 (4) die Mitgliedsstaaten auf:

"...ausschließliches Stillen für die Dauer von sechs Monaten als eine globale öffentliche Gesundheitsempfehlung unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Technik-Konferenz der WHO-Experten zur optimalen Dauer ausschließlichen Stillens zu unterstützen und sichere und angemessene Beikostnahrung bereitzustellen unter Beibehaltung des Stillens bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus..."

Die neue Resolution wurde erstmals im Mai 2000 von Brasilien vorgeschlagen, einem der 62 Länder, die bereits "6 Monate" als nationale Politik verankert haben, und ein Land, das führend in der Stillforschung ist.

Der Beschluß unterstreicht die Bedeutung unabhängiger Wissenschaft im öffentlichen Interesse, etwas, das IBFAN immer wieder eingefordert hat.

Denise Coitinho, Leiterin der Abteilung Lebensmittel- und Ernährungspolitik im brasilianischen Gesundheitsministerium, sagte:

"Ich bin ungemein glücklich darüber, daß wir eine weltweite Übereinkunft zu diesem Thema erreicht haben. Das wichtigste ist global in Übereinstimmung zu handeln - und die Ergebnisse des Expertenkomitees haben diesen Konsens wesentlich erleichtert."

Cesar Victora, Professor für Epidemiologie an der Universität von Pelotas und Gastprofessor an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, hat niemals Geld von der Babynahrungsindustrie angenommen und war ein Mitglied des WHO-Expertenkomitees. Er war während der Debatte anwesend und sagte:

"Ich bin hocherfreut zu erleben, daß wissenschaftliche Erkenntnisse Veränderungen einer globalen Politik bewirken können - 15 Jahre lang haben wir Beweise über die Vorteile des ausschließlichen Stillens zusammengetragen, und es ist eine große Freude, daß dieses letztendlich zu einem Wechsel in der globalen Politik geführt hat. Die größte Enttäuschung für einen Wissenschaftler besteht darin, wenn unsere Studien keine Veränderungen in der wirklichen Welt zur Folge haben."

Die Vereinigten Staaten schlossen sich dem Konsens an und legten ihre früheren Vorbehalte gegen Teile der Resolution bei.

Thomas Novotny, MD, MPH, Stellvertretender Assistent in der Abteilung für Internationale und Flüchtlingsgesundheit im Gesundheitsministerium der USA, sagte:

"Wir sind glücklich, daß wir in dieser Frage einen Konsens erzielt haben. Es hilft ungemein, wenn man mit einer wirksamen Empfehlung für ausschließliches Stillen für die Dauer von sechs Monaten im Rücken nach vorne schauen kann während gleichzeitig all' die Abwägungen, die in Betracht gezogen werden müssen, möglich werden.

Dr. Tomris Turmen, Sprecher für das WHO-Sekretariat, betonte die Bedeutung der Resolution und bezog sich auf drei Studien in Brasilien, Mexiko und Banglasdesh, die nachwiesen, daß einfache Maßnahmen, die Mütter unterstützten, die Stillraten sehr schnell und sehr effektiv nach oben schnellen ließen, die anerkanntermaßen weltweit extrem niedrig lägen.

Ziel der Resolution ist es nicht, Mütter gegen ihren Willen zum Stillen zu nötigen, und sie zieht in Betracht, daß einige Mütter nicht unbedingt die Bedingungen vorfinden, die es ihnen ermöglichen in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen und dieses danach unter Einführung von Beikost fortzusetzen. Jedoch sollte sie diejenigen Frauen stärken, die dieses wollen, und sicherstellen, daß alle Frauen in ihrer Entscheidung unterstützt werden das beste für die Gesundheit ihrer Kinder zu tun.

Mit der klaren Aussage dieser Resolution zur empfohlenen Zeit ausschließlichen Stillens ist die Hoffnung verbunden, daß sie der Babynahrungsindustrie Einhalt gebietet ihre Ergänzungsnahrung als geeignet für das Alter ab vier Monaten oder sogar noch früher, wie es häufig der Fall ist, zu vermarkten (s. die Belege in Breaking the Rules 2001). Dieses bleibt abzuwarten, da die Industrie gegenwärtig die Resolution (WHA 47.5) von 1994 mißachtet, die besagt, daß Beikost erst ab "etwa sechs Monaten" als geeignet angesehen wird. Die zusätzlichen Umsätze, die aus der Deklaration "ab vier Monaten" anstatt "ab sechs Monaten" resultieren, werden auf rund 1 Milliarde US Dollar jährlich geschätzt.

Im Vorfeld der Weltgesundheitsversammlung hatte sich die Internationale Vereinigung der Säuglingsnahrungshersteller (IFM) an Mitgliedsstaaten gewandt mit dem Versuch die Unterstützung für die Resolution abzuschwächen. IFM besteht aus den herausragendsten Brechern des Internationalen Kodex und der nachfolgenden, bezugnehmenden Resolutionen wie Nestlé, Wyeth, Numico (Mutterkonzern von Nutricia, Milupa, Cow&Gate) und Hipp. Besonders auf die Industrieländer versuchten die Babynahrungshersteller Druck auszuüben.

Schon im letzten Jahr hatte IFM den Versuch unternommen, allein die Diskussion über diese Resolution in der Weltgesundheitsversammlung zu verhindern (siehe Bericht im British Medical Journal vom 9. September 2000).

Während der Diskussion im Komitee stellte Prof. Dr. Abdul Malik Kasi, der pakistanische Gesundheitsminister, fest, daß, obwohl Pakistan in der vordersten Reihe der Unterstützer des Kodex stünde, die Werbung für Muttermilchersatzprodukte Mütter in die Irre geleitet hätte. Er führte aus, daß die pakistanische Regierung an der Umsetzung des Kodex in ein nationales Gesetz arbeite, die Industrie jedoch seit zehn Jahren versuche dieses zu verhindern. Er forderte die WHO auf, eine Kampagne ins Leben zu rufen den Druck der Industrie auf den Kodex zu unterbinden.

Weitere Informationen bei:

Patti Rundall, (UK) +44 1223 464420 Mobil +44 7990 501337

Email: info@babymilkaction.org

Anmerkungen:

Die Resolution FORDERT die Mitgliedsstaaten in Artikel 2.(4) AUF: "ihre Anstrengungen zu vertärken und neue Ansätze zum Schutz, zur Förderung und zur Unterstützung des ausschließlichen Stillens für die Dauer von sechs Monaten als eine öffentliche Gesundheitsempfehlung unter Berücksichtigung der Ergebnisse der WHO-Expertenkonferenz über die optimale Dauer ausschließlichen Stillens zu entwickeln und sichere und angemessene Beikost bereitzustellen unter Beibehaltung des Stillens bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus und Kanäle sozialer Verbreitungstrukturen für diese Konzepte zu stärken, damit die kommunalen Ebenen diese Praktiken übernehmen können."

Die Resolution FORDERT die Genaraldirektorin AUF: "Unterstützung für die Mitgliedsstaaten bereitzustellen bei der Erkennung, Umsetzung und Überprüfung neuer Ansätze zur Verbesserung der Säuglings- und Kleinkindernährung unter Stärkung des ausschließlichen Stillens für 6 Monate als eine öffentliche Gesundheitsempfehlung unter Berücksichtigung der Ergebnisse der WHO-Expertenkonferenz über die optimale Dauer ausschließlichen Stillens und unter Bereitstellung sicherer und angemessener Beikost unter Beibehaltung des Stillens bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus sowie für gemeindebezogene und ressortübergreifende Aktivitäten."

Die Schlußfolgerungen und Empfehlungen der WHO-Expertenkonferenz zur optimalen Dauer ausschließlichen Stillens sind als pdf-Datei erhältlich unter
http://www.who.int/gb/EB_WHA/PDF/WHA54/ea54id4.pdf

 

 

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